Die Berliner Streaming-Plattform HÖR steht vor einem umfassenden Eigentümerwechsel. Die Holding-Gesellschaft 99Solutions GmbH übernimmt die Betreiberfirma vollständig. Der Kanal, der seit 2019 das weltweite Bild der elektronischen Musikszene aus einem Kreuzberger Studio geprägt hat, geht damit in eine neue unternehmerische Phase über.
Die Eckpunkte der Übernahme
HÖR soll als eigenständige Marke erhalten bleiben. Die neuen Eigentümer betonen gegenüber Branchenmedien zwar, die Relevanz des Formats schützen zu wollen, planen jedoch weitreichende Neuerungen: Neben einer modernisierten Infrastruktur soll das Angebot um ein eigenes Label, Booking- und Verlagsdienstleistungen sowie kommerzielle Partnerschaften erweitert werden. Der Verkauf folgt auf eine Phase interner Herausforderungen, in der die Plattform vermehrt wegen ihrer Kuration und dem Umgang mit Programminhalten in der Kritik stand.
Kommentar: Balance zwischen Struktur und Subkultur
Dass die Verantwortlichen nach den intensiven Debatten der letzten Jahre nach wirtschaftlicher Absicherung suchen, ist ein nachvollziehbarer Schritt. Professionelle Strukturen können dem Projekt das nötige Fundament bieten, um sich wieder voll auf die Musik zu fokussieren.
Dennoch löst die Nachricht in der Clubkultur Skepsis aus. HÖR erlangte globale Bedeutung durch seinen rohen DIY-Charakter: DJs agierten ohne Publikum vor weißen Kacheln – die Konzentration galt pur dem Handwerk. Diese unkommerzielle Atmosphäre machte die Identität des Kanals aus.
Die angekündigte Erschließung neuer Erlösmodelle birgt das Risiko einer schleichenden Kommerzialisierung. Sobald wirtschaftliche Optimierungsprozesse greifen, droht die musikalische Kuration defensiver zu werden. Mutige Nischen-Sounds und unbekannte Newcomer könnten im schlimmsten Fall massentauglicheren Formaten weichen müssen.
Das Boiler-Room-Dilemma
Diese Dynamik erinnert an den Werdegang von Boiler Room. Das Format startete einst als intimes Untergrund-Projekt per Webcam in einem Londoner Keller. Nach der Integration in größere Mediengruppen entwickelte es sich jedoch zunehmend zu einer global durchstrukturierten Event-Marke, die von vielen Puristen heute eher als Lifestyle-Produkt denn als subkultureller Gradmesser wahrgenommen wird.
Es bleibt zu hoffen, dass HÖR diesen Balanceakt erfolgreicher gestaltet. Wirtschaftliche Stabilität ist sinnvoll, solange die raue DNA der Kachelwand nicht verloren geht. Die Szene wird die kommenden Schritte aufmerksam beobachten.


